«Ich sehe keinen Vorteil darin, die Zahlen weiter hochgehen zu lassen»

Am ersten Corona-Gipfel haben Expert:innen über die Strategien diskutiert, die uns aus der Pandemie führen könnten. In dieser Zusammenfassung blicken wir zurück auf die wichtigsten Momente des Gesprächs.

Hier können Sie die vollständige Aufzeichnung anschauen:

Tiefe Fallzahlen

Alle Beteiligten des Gesprächs sind sich in einem Punkt einig: In dieser Situation, wo die Fallzahlen in vielen (europäischen) Ländern wieder steigen, müsste das Gegenteil geschehen, die Zahl der Infizierten müsste wieder sinken. Oder wie Matthias Schneider es ausdrückt: «Ich sehe keinen Vorteil darin, die Zahlen weiter hochgehen zu lassen» (1:14:26). Die Realität sieht aber anders aus und Nicolas Müller hält fest: «Für uns hat die 3. Welle eindeutig begonnen» (10:00), «wir haben unser Dispositiv darauf ausgerichtet, dass die Fallzahlen deutlich steigen werden» (11:24).

Christian Althaus spricht implizit vom Präventions-Paradox, wenn er darauf hinweist, dass die Forderungen nach Lockerungen lauter werden, je entspannter sich die Situation zeigt (15:57); man müsse jetzt aber klug handeln und das Erreichte nicht bereits wieder verspielen. Genau das sei im letzten Sommer [in der Schweiz] geschehen. Im Juni waren die Fallzahlen sehr tief und es war «ein politischer Entscheid, das nicht zu nutzen» (46:30).

Auch Monika Bütler hält mehrmals fest, wie wichtig niedrige Fallzahlen sind (28:50), denn das minimiere nicht nur die Zahl der Toten und Kranken – «man denke auch an Long Covid» – sondern auch die wirtschaftlichen Schäden. Man könne zwar die alte Welt zurückhaben, mit weniger Massnahmen, aber dann «haben wir auch viel mehr Viruszirkulation.» Sie hätte sich gewünscht, dass man viel früher Massnahmen ergriffen hätte (36:12).

No-Covid

Matthias Schneider erläutert Eckpunkte der No-Covid Strategie (19:56) und verweist darauf, dass im letzten Sommer 200 von 400 Landkreisen bereits grüne Zonen gewesen seien [das heisst, die Fallzahlen waren so tief, dass man eigentlich keine Massnahmen mehr hätte anwenden müssen]. Damit zeigt Schneider, dass No-Covid machbar und eine lokale Öffnungsstrategie ist (20:15), auf die die Bevölkerung in Deutschland laut Umfragen mehr vertraut als in die Bundespolitik (43:31).

Ilona Kickbusch weist darauf hin, dass die behördlich praktizierte Jo-Jo Strategie hingegen für das Vertrauen in der Bevölkerung nicht geholfen habe (36:35); die Politik habe sich vor der Komplexität gedrückt (37:26) und ausserdem die Lockdowns nicht genutzt, um neue Strukturen aufzubauen (38:38) [Testen, professionelles Tracing etc.].

Bezüglich No-Covid äussert sich Monika Bütler eher zurückhaltend. Christian Althaus weist auf die Notwendigkeit einer «gesamteuropäische Koordination» hin. (46:46).

Impfungen

Auch beim Impfen herrscht Konsens, dass man sich bei den Massnahmen der Pandemiebekämpfung nicht nur aufs Impfen verlassen dürfe. Mit Verweis auf Joe Biden hält Kickbusch fest, dass das Impfen allein uns nicht rettet (37:05). Schneider warnt, das Impfen könne bei hohen Fallzahlen sogar eine grosse Gefahr sein, dann steige die «Chance für Escape-Varianten», damit «liefern wir gute Bedingungen für neue Mutationen (…) wir spielen da mit dem Feuer» (44:57). Auch für Christian Althaus ist es «problematisch», wenn sich dieses Virus in der ungeimpften Bevölkerungsgruppe weiter ausbreiten könne, und er hebt speziell auch die Kinder hervor, «die sicher bis im Herbst nicht geimpft werden können» (48:46). Frau Bütler weist darauf hin, dass Impfungen, das Contact Tracing und Testen «nichts kosten»(56:13), im Gegensatz zu Massnahmen wie Lockdowns, Restaurant- und Schulschliessungen (54:30).

Kommunikationsstrategien

Ein weiteres, grosses Thema ist die Kommunikation während der Pandemie. Als Beispiel einer herausragenden Kommunikation zwischen Regierung, Wissenschaft und Bevölkerung hebt Ilona Kickbusch Neuseeland hervor (59:30), aber auch Südkorea (1:02:56), wo sich der Gesundheitsminister jeden Tag den Fragen der Bevölkerung und der Presse stellt, obwohl dort die Fallzahlen extrem niedrig seien. In Deutschland müsse man die Bürger sehr viel ernster nehmen (39:00), so Kickbusch, man müsse immer wieder darauf hinweisen, «das ist was Ernstes, das ist eine globale Pandemie» (39:17). Sie sei immer wieder baff, wie wenig der globale Kontext gesehen werde (39:28).

Althaus macht darauf aufmerksam, dass in der Schweiz die öffentliche Debatte «etwas entkoppelt ist vom internationalen Diskurs» und hofft, dass die Regierung und die Medien die Empfehlungen der WHO zukünftig vermehrt aufnehmen (1:07:05).

Auf eine andere Ebene der Kommunikation macht Nicolas Müller aufmerksam, wenn er sich eine offene und ehrliche Information bezüglich der Situation in den Spitälern wünscht (1:09:16); auch zu Long Covid brauche es eine klare und transparente Information (1:10:34). Ausserdem existiere immer noch ein falsches Bild, wer auf der Intensivstation behandelt werden müsse (1:09:34), das sind nämlich vornehmlich jüngere und nicht ältere Menschen, die «Jahrgänge 65, 72, 81» müssten jetzt gerade auf der Intensivstation gepflegt werden.

Publikumsfragen

Während den letzten zwanzig Minuten (ab 1:22:00) werden Fragen aus dem Publikum beantwortet. Die erste Frage betrifft die Situation an den Schulen. Christian Althaus hält fest, es sei von Beginn an klar gewesen, dass die Kinder das Virus übertragen und sich anstecken (1.23:41). Es sei für ihn wichtig, dass die Kinder die Schule besuchen können, aber das bedeute nicht, dass «wir nicht genau hinschauen sollten» (1:25:15). Monika Bütler fügt an, sie sei verärgert, weil die Tests an den Schulen nicht früher und breiter ausgerollt worden seien. (1:28:02).

Die nächste Frage nach den besonders vulnerablen Personen (1:29:16) richtet sich an Matthias Schneider. Eine Herdenimmunität lasse sich nicht so leicht erreichen (1:30:00), da gewisse Risikogruppen nicht geimpft werden können. Es sei nicht klar, wie lange die Immunität anhält, wie effektiv die Impfung gegen die neuen Varianten sind. Ausserdem muss der globale Aspekt berücksichtigt werden, so Schneider.

Die nächste Frage betrifft Long Covid. Frau Bütler weist auf die hohen Kosten der Krankheit hin (1:33:10) und betont nochmals die Wichtigkeit, die Zahlen runterzubringen und fügt hinzu, dass sie «die wirtschaftlichen Kosten weniger beissen, sondern die Einzelschicksale» (1:33:47); die Betroffenen fallen aus den Arbeitsprozessen raus, haben familiäre Schwierigkeiten und eine eingeschränkte Lebensqualität.

Zum Abschluss weist Ilona Kickbusch darauf hin (1:34:28), dass die vulnerablen Gruppen nicht nur die Alten oder die sehr Alten sind, sondern auch diejenigen, die in schlechten Wohnverhältnissen leben, diejenigen, die zur Arbeit fahren müssen, diejenigen, die in Betrieben arbeiten, die keine Schutzkonzepte haben (…) und hält fest, dass die Demokratie Solidaritätsmomente beinhalten sollte; das hiesse sich so zu verhalten, dass diejenigen, die dafür sorgen, dass mein Müll abgeholt wird, «Covid nicht mehr ausgesetzt sind als ich selber».